Ordnung. Macht. Extremismus – eine Alternativlosigkeit?

von Stefan Kausch, Forum für Kritische Rechtsextremismusforschung / Tagungsorganisation

Ordnung macht Extremismus. Dieser in der politischen Auseinandersetzung mit und der Kritik am «Extremismus»-Modell von Wirklichkeit nicht sehr häufig nachgezeichneten Problemkonstellation möchte ich in diesen Ausführungen Raum geben. So soll anhand von drei Themenschwerpunkten umrissen werden, wie Ordnung und Extremismus miteinander eine fruchtbare Beziehung eingehen konnten. Dabei werden an diese Beziehungsgeschichte demokratieperspektivische Fragen gestellt, um den Vereisungstendenzen des Politischen entgegen zu wirken.

Lesen Sie den vollständigen Beitrag im Band “Gibt es Extremismus? Extremismusansatz und Extremismusbegriff in der Auseinandersetzung mit Neonazismus und (anti)demokratischen Einstellungen” (hg. v. Kulturbüro Sachsen e.V., Weiterdenken - Heinrich Böll Stiftung Sachsen, Forum für Kritische Rechtsextremismusforschung, Leipzig, Studierendenrat der TU Dresden, Referat für Politische Bildung). Der Band lässt sich hier herunterladen.

Tagungsbericht (HSozKult)

von Tobias Prüwer

„Extremisten, das sind immer die anderen.“ – Extremismus scheint ein unproblematischer Begriff zu sein, der ohne Vorwissen im Alltag verstanden und gebraucht wird. Extremist/innen sind politische Irrgänger, die randalieren und mit Gewalt gegen die Mitte der Gesellschaft vorgehen – soweit scheint man sich einig zu sein. So unproblematisch, wie er scheint, ist der Begriff allerdings ganz und gar nicht – das war der zentrale Ausgangspunkt der vom 20. bis 21. November 2009 durch das Forum für kritische Rechtsextremismusforschung und den Profilbildenden Forschungsbereich „Riskante Ordnungen“ in Leipzig organisierten Tagung. Diese folgte drei Fragestellungen: 1. Derjenigen nach Genealogie, Begründungslogik und Attraktivität des an die Totalitarismustheorie anknüpfenden Extremismus-Begriffs, der insbesondere von Eckhard Jesse und Uwe Backes als Ordnungsmarker für das politische Spektrum vorgetragen wird, 2. der inhaltlichen Auseinandersetzung mit dem Extremismus-Modell und der Frage nach konzeptionellen Alternativen, 3. Der Rolle des Extremismus-Modells in Praktiken und Programmen, sowie konkreten Anstrengungen, Handlungskonzepte für den Umgang mit Neonazismus, Alltagsrassismus etc. ohne Rückgriff auf die E-Formel zu entwickeln. In diesem Zusammenhang kam die Sprache auch auf den angekündigten Programmwechsel der Bundesregierung, in Zukunft „jede Form von Extremismus“ zu bekämpfen, statt empiriegeleitet vorzugehen und sich auf Programme gegen Rassismus oder für Vielfalt und Toleranz zu konzentrieren. Die allesamt kritischen Tagungsbeiträge näherten sich der E-Formel mit dem Verdacht, einem petitio principii aufzusitzen: Die E-Formel is begging the question, sie setzt als Axiom voraus, was sie behauptet, offen zu legen: Die Aufteilung von Gesellschaft in Mitte und extreme Ränder

Lesen Sie den vollständigen Tagungsbericht bei HSozKult

Erweiterter Tagungsband in Vorbereitung

Die Beiträge zum Workshop Ordnung.Macht.Extremismus werden zur Zeit für einen erweiterten Tagungsband überarbeitet. Die Publikation ist für Anfang 2011 geplant - weitere Informationen zum Band folgen in Kürze.

Problemstellung und Ziel

Der Extremismus-Begriff ist eine alte Vokabel politik- und sozialwissenschaftlicher Forschung und des politischen Alltagsgeschäfts. Als solche ist er bereits seit mehreren Jahrzehnten Gegenstand breiter und wiederholter Kritik aus sozialwissenschaftlicher Perspektive (im Hinblick auf dessen Kapazität als adäquate Wirklichkeitsbeschreibung) und im politischen Kontext (Vorwurf der Begriffsverwendung als Mittel zur Diffamierung politischer Gegner). Trotzdem zeigt das Modell eine große Überlebensfähigkeit und ist vor allem in gesellschaftlichen Diskursen, Verwaltungspraktiken und politischen Interventionen präsent. Entsprechend werden bestimmte Formen politischer Devianz häufig als „extremistisch“ bezeichnet. Diese Appellation hat deskriptiven und normativen Charakter, aber insbesondere in seiner Funktion als gängiges Analysemodell zur Beschreibung politischer Devianz verführt der Begriff dazu, klare politische Gegner in bestimmten auch sozio-kulturell marginalisierten Gruppierungen zu finden, ohne dass deren z.T. auch in anderen Bevölkerungssegmenten verbreiteten Ansichten als politisch betrachtet würden.

Der Workshop nähert sich einer Systematisierung der ordnenden Effekte des Begriffs in der wissenschaftlichen und administrativen Praxis in zwei Themenblöcken: Einerseits soll „Extremismus“ begriffsgeschichtlich, andererseits administrativ-juridisch analysiert werden. Auf Grundlage dieser Analyse gilt es, auch über alternative wissenschaftliche Zugänge und Begriffe insbesondere in Bezug auf „Rechtsextremismus“ nachzudenken und Möglichkeiten zu entwickeln, diese auch für die praktische (politische, journalistische, etc.) Arbeit fruchtbar zu machen.

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Vorläufiges Programm

Freitag, 20. November 2009

9:15 - 10:00 Begrüßung und Keynote

10.00 - 10.15 Kaffeepause

10.15 - 11.45 Bestandsaufnahme und Kritik des Extremismus-Modells

11.45 - 13.15 Mittagspause & Imbiss

13.15 - 14.45 Radikaldemokratische Perspektiven

14.45 - 15.15 Kaffeepause

15.15 - 17.00 Praktiken I: „Extremismus” in Recht, Kultur und Politik

17.00 - 19.30 Pause und gemeinsames Abendessen

19.30 - 21.00 Öffentlicher Abendvortrag (in Kooperation mit Weiterdenken e.V.):

Samstag. 21. November 2009

9.00 - 9.45 Keynote

9.45 - 11.15 Praktiken II: Verwaltung politisierter Devianz Jugendlicher

11.15 - 11.45 Kaffeepause

11.45 - 13.15 Alternativen I

13.15 - 14.15 Mittagspause und Imbiss

14.15 - 15.45 Alternativen II

15.45 - 16.15 Kaffeepause

16.15 - 17.30 Abschlusskommentar und -diskussion

Call for Papers

PDF-Version

Die Einteilung der Gesellschaft in eine politische Mitte und extreme Ränder ist ein gängiges Bild. Verschiedene Kritiken an dieser Konzeption zeigen jedoch, dass das Extremismusmodell erhebliche analytische Schwächen aufweist und zugleich politisch folgenreich ist. Es suggeriert klare Grenzen (zwischen Innen und Außen) die inhaltlich nur schwach bestimmbar sind und konstruiert eine gesellschaftliche „Mitte“ als per se „guten“, weil demokratischen Bereich. Darüber hinaus legt es Ähnlichkeiten zwischen linkem und rechtem „Rand“ nahe und verdeckt so den Blick auf wesentliche Unterschiede. Trotz dieser Mängel ist die Rede vom politischen Extremismus allgegenwärtig: In medialen Debatten, politischen Auseinandersetzungen und nicht zuletzt in der wissenschaftlichen Beschäftigung mit dem, was als „Rechts-, Links- und Ausländerextremismus” bezeichnet wird. Selbst diejenigen, die das dahinter liegende Modell ablehnen, kommen kaum umhin, den Begriff zu verwenden.

Wie kam es dazu? Was macht das Extremismusmodell trotz seiner Schwächen so definitionsmächtig und attraktiv? Mit diesem Paradox wird sich der Workshop auseinandersetzen. Ziel ist es, über analytisch adäquatere wissenschaftliche Zugänge und Begriffe nachzudenken und Möglichkeiten zu entwickeln, diese für die praktische Arbeit fruchtbar zu machen. Grundlage dieser Überlegungen werden einerseits Analysen der Entstehung und Implikationen des Extremismuskonzepts sein. Andererseits werden analoge und abweichende Interventionen aus Gesellschaft und Politik diskutiert.

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Organisation

Der Workshop wurde von Mitgliedern des Forums für Kritische Rechtsextremismusforschung initiiert und wird in Zusammenarbeit mit dem Lehrstuhl für Politische Theorie und Ideengeschichte des Instituts für Politikwissenschaft an der Universität Leipzig durchgeführt.

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